Ich habe ein kleines , geiles Auto. Bin ich in unpässlicher Stimmung, kann ich es besteigen und damit in den Sonnenuntergang reiten. Das Fenster geöffnet, stecke ich meinen Kopf hinaus und lasse meine Zunge in den Wind flattern. In dunklen Gassen und auf hellerleuchteten Parkplätzen, stets hab ich es bei mir. Ich kann es streicheln. Ich schnupper mich an seinen Ledersitzen warm und leg mich selber über seine knalllackierte Motorhaube. Gummilippe, Kurbelwelle, Direkteinspritzer.
Meine Handflächen presse ich an heisses weiches Leder und winde mich ins Material.
Es gibt kein anders es gibt nur dieses eine schwarze, Aluminium und Kunstoff, Öl Benzin und Hitze. Betöre und berausche mich an Stickoxiden, Ruß, Aldehyden, Schwefeldioxid und Benzpyren. Drehzahlsteigerung mittels Gangknüppel. Deine griffsymphatischen Oberflächen becircen meinen Motorkortex. Anfahrschwächen sind uns fremd. Du hast keine Handling-Allüren stattdessen einen Abstandsregeltempomat und Eco-Boost. Wir sind in 3,6 auf ganz viel Sex.
Die andern zählen nicht ich brauch nur dich. Du bist mein ein und alles, du befriedigst mich, gegen nichts anderes würde ich dich eintauschen. Ich bin einmal zu Fuß gegangen, ich bin einmal mit dem Rad gefahren, das ist vorbei. Und wie ich dich anbete! Du liebst mich auch. Du zeigst es mir mit deinem engagierten Krafteinsatz, mit deiner Laufkultur, deiner Drehwilligkeit. Wir beide, wir verstehen uns. Ich bin ein Teil von Dir. Ohne den Geruch deines Treibstoffs in der Nase kann ich nicht einschlafen. Wir machen alles gemeinsam, wir machen es, wir sind nicht mehr allein dabei.
Du lässt dir gern von mir die Reifen schwärzen. Ich wachse dich ganz sanft mit meiner Hand. Wir verwenden Schutzfolie.
Ich betrüge dich nur selten. Manchmal schlüpfe ich in fremde Autos, verliere mich an deren perfekt geschwungene Ladeböden, Instrumententräger. Auch andere Autos brauchen Liebe. Du verstehst das nicht. Das kannst du gut: springst plötzlich nicht mehr an, stotterst, machst seltsame Geräusche. Dann muss ich Dich wieder ein ganzes Wochenende auf Hochglanz polieren und zärtlich deine Nummerntafeln sauberlecken. Am nächsten Morgen läufst du für mich dann wieder zur Hochform auf.
Wenn wir uns nicht gerade lieben, fahren wir. Auf diesen Strassen gibt es kein Entgegenkommen sie gehören uns. Deine Persönlichkeit bleibt nicht unbemerkt, sie hupen dauernd.
Wir hörn sie nicht. Wir sehn sie nicht. Wenn wir uns in die Kurven legen bleibt nur ausweichen. Zu jeder Tages und Nachtzeit stürmen wir über unbegegraste Flächen. Du nimmst mich aus dem Stand in den Sprint. Dein V6 klingt kehlig, schiebt kräftig an, souverän über die Autobahn, ich drück mich tiefer in den Sitz und gebe Gas. In Höchstgeschwindigkeit und vielleicht noch fünf, sechs Stundenkilometer darüber vibriert das Leben unter mir dass ich sonst nirgendwo mehr finden kann. Danach bin ich schweißgebadet und Du erhitzt. Ich reibe Dir die Vogelscheiße und die massenhaft gestorbenen Insekten von der Windschutzscheibe.
Sind so schöne Begriffe! Hubkolben, Drosselklappen, Lamellenkühlermaske! Worte Liebesliedern gleich in meinen auf das Röhren eingestellten Ohren, röhren, ja rotzen muss es. 800 PS freie Wildbahn.
Mein Auto liebt mich und ich liebe mein Auto. Auf dunklen Parkplätzen besorgen wir es uns beschleunigt. Ahnungs- und getriebelos war ich, du brachtest mir alles bei, was es zu wissen gab. Sunsetrotes Interieur bieten wir auf uns gegenseitig zu übertrumpfen. Eine Entscheidung tief aus dem Bauch heraus, der Schaltknüppel gleitet stufenlos.
Hinein in die volle Geschwindigkeit gegen eine Schallmauer der Überlegungen gegen alle Vorsicht, wir geben Gas. Willig spielen wir Leistung aus wie Roß und Reiter, man gäbe uns perfekte Haltungsnoten, ungebremst. Sandwichkonzept bei Crashgefahr. Unsere Autoerotik bleibt nicht einsam wie ich auch sonst nicht allein steh auf dieser asphaltierten weiten Flur. Unserer sind viele.
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GAV-Lesung bei der Oper: Straße gesperrt-




